Ein Kessel läuft dreißig Jahre. Seine Steuerung nicht. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Ersatzteilversorgung für eine Simatic S5 oder eine ET200-Peripherie nicht mehr gesichert ist – und die Anlage selbst noch lange nicht am Ende ist. Genau dann steht ein Retrofit an.
Für den geordneten Umgang mit Abkündigungen gibt es eine eigene Norm: IEC 62402 beschreibt Obsoleszenzmanagement als laufende Aufgabe, nicht als Reaktion. In der Praxis beginnt das Thema trotzdem fast immer erst dann, wenn ein Ersatzteil bereits fehlt.
Das Ersatzteil ist nicht das Problem
Für jede abgekündigte Baugruppe lässt sich ein Nachfolger finden. Das ist Recherchearbeit, sie kostet Zeit, aber sie ist absehbar. Absehbar ist auch, was die neue Steuerung können muss – das steht in der alten Funktionsbeschreibung.
Unkalkulierbar wird ein Retrofit an einer anderen Stelle: bei dem, was zwischen der letzten Dokumentationspflege und heute passiert ist. Eine nachgerüstete Verriegelung. Ein Antrieb, der getauscht und dabei anders angeklemmt wurde. Eine Messstelle, die im Plan noch steht und in der Anlage seit Jahren fehlt. Wer auf Basis der vorhandenen Unterlagen plant, plant für eine Anlage, die es so nicht mehr gibt.
Was die Ist-Analyse findet
Deshalb steht am Anfang keine Bestellung, sondern eine Aufnahme: Unterlagen gegen Anlage, Klemme für Klemme an den Stellen, die der Umbau berührt. Das Ergebnis ist nicht nur eine Liste dessen, was ersetzt werden muss. Es ist vor allem eine Liste der Abweichungen – und die kennt vorher niemand vollständig, auch die Instandhaltung nicht, die seit zwanzig Jahren dieselbe Anlage betreut.
Diese Liste ist der eigentliche Ertrag der Analyse. Sie entscheidet darüber, ob die Planung trägt oder ob während des Umbaus improvisiert wird.
Regelmäßig fördert die Aufnahme auch zwei Kennzeichnungssystematiken nebeneinander zutage. Warum wir die vorhandene in Bestandsanlagen meist fortführen, statt sie zu ersetzen, steht in Kennzeichnung nach IEC 81346.
Passt die neue Technik überhaupt hinein?
Die zweite Frage, die vor die Bestellung gehört: Nimmt der vorhandene Schaltschrank die neue Technik auf? Moderne Baugruppen sind selten größer, aber sie sitzen anders, brauchen andere Abstände und geben teils mehr Wärme ab. Wie viel Wärme ein Gehäuse überhaupt abführt, lässt sich nach IEC 60890 rechnerisch bestimmen – das macht unser Rechner zur Schaltschrank-Klimatisierung. Klärt man das erst beim Einbau, steht die Anlage – und zwar ungeplant.
Umbauschritte, die in den Betrieb passen
Ob ein Retrofit ohne Stillstand gelingt, hängt von der Anlage ab und lässt sich nicht allgemein zusagen. Was sich planen lässt, ist der Zuschnitt: Umbauschritte so klein und so klar beschrieben, dass die Instandhaltung des Kunden sie in ihren eigenen Fenstern abarbeiten kann. Das verlangt eine Dokumentation, die schon vor dem Umbau stimmt – nicht eine, die danach nachgezogen wird. Welche Unterlagen dazugehören und wie sie aufgebaut sind, beschreibt DIN EN 61082-1.